Modul 3 · Block A: Simultane Spiele

Das Nash-Gleichgewicht

Dominanz ist ein scharfes Werkzeug, aber es greift nur, wenn eine Strategie durchgehend die beste ist. Die meisten Spiele sind komplizierter. In diesem Modul lernst du das wichtigste Konzept der gesamten Spieltheorie kennen: einen Zustand, in dem niemand mehr einen Grund hat, seine Entscheidung zu ändern.

Lernziele
  • Die Best-Response-Methode («Kringel-Methode») sicher anwenden
  • Das Nash-Gleichgewicht definieren, finden und interpretieren
  • Den Zusammenhang zwischen Dominanz und Nash-Gleichgewicht erklären
  • Spiele mit mehreren oder ohne Gleichgewicht (in reinen Strategien) erkennen

3.1Wenn Dominanz nicht weiterhilft

Schau dir das folgende Spiel zwischen Anton und Berta an und versuche, es mit den Werkzeugen aus Modul 2 zu lösen. Du wirst feststellen, dass weder Anton noch Berta eine dominante Strategie haben und auch keine dominierten Strategien, die man wegstreichen könnte.

Abbildung 1 – Ein Spiel ohne dominante Strategien.

Unsere bisherigen Werkzeuge können dieses Spiel nicht lösen. Wir brauchen einen besseren Mechanismus, mit welchem wir bei jedem Spiel die stabilen Ergebnisse ermitteln können. Einen solchen Mechanismus hat ein junger amerikanischer Mathematiker gefunden – mit einer Idee, die so einfach wie folgenreich ist und heute seinen Namen trägt.

3.2John Nash und sein Gleichgewicht

Das Konzept, das diese Lücke füllt, stammt vom amerikanischen Mathematiker John Nash (1928–2015). Er bewies 1950, in einer Doktorarbeit von gerade einmal 27 Seiten, dass es in jedem endlichen Spiel mindestens einen solchen stabilen Zustand gibt – sofern die Spieler ihre Strategien auch zufällig mischen dürfen (mehr dazu in Modul 5). Dafür erhielt er 1994 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Sein Leben, einschliesslich seines Kampfs gegen die Schizophrenie, wurde im Film A Beautiful Mind erzählt.

Die Idee dahinter ist einfach. Stell dir vor, alle Spieler haben ihre Strategien gewählt und legen sie auf den Tisch. Nun fragen wir jeden Einzelnen: «Wenn du siehst, was die anderen gewählt haben, möchtest du deine eigene Wahl nachträglich ändern?» Sagt auch nur einer «ja», ist die Situation instabil: Sie würde sich sofort wieder in Bewegung setzen. Sagen alle «nein», haben wir einen Zustand gefunden, der aus sich selbst heraus hält.

Merke

Ein Nash-Gleichgewicht ist eine Strategiekombination, bei der kein Spieler seine Auszahlung verbessern kann, indem er allein von seiner Strategie abweicht. Jeder spielt die beste Antwort auf das Verhalten der anderen – der Zustand ist stabil.

Zwei Feinheiten sind wichtig. Erstens: «Allein abweichen» heisst, wir prüfen jeden Spieler isoliert, während alle anderen bei ihrer Wahl bleiben. Dass sich beide gemeinsam verbessern könnten (wie im Gefangenendilemma durch beidseitiges Schweigen), macht ein Nash-Gleichgewicht nicht kaputt; Absprachen sind ja gerade nicht möglich. Zweitens: Ein Nash-Gleichgewicht ist eine Vorhersage über Stabilität, kein Werturteil. Es kann, wie du gleich siehst, ein für alle unerfreuliches Ergebnis sein.

ExkursDer berühmteste Filmfehler der Spieltheorie

In «A Beautiful Mind» gibt es eine Schlüsselszene: Nash sitzt mit Kommilitonen in einer Bar, eine Gruppe Studentinnen kommt herein, darunter eine besonders attraktive Blondine. Nashs Geistesblitz im Film: «Wenn wir alle um die Blondine konkurrieren, blockieren wir uns gegenseitig und kränken danach ihre Freundinnen. Gehen wir also alle direkt zu den Freundinnen, dann gewinnen alle.» Der Film präsentiert das als die Geburt des Nash-Gleichgewichts.

Prüfe selbst mit der Definition aus diesem Kapitel: Angenommen, alle halten sich an den Plan und ignorieren die Blondine. Ist das stabil?

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Nein, es ist das genaue Gegenteil eines Nash-Gleichgewichts. Wenn alle anderen die Blondine ignorieren, ist sie konkurrenzlos: Die beste Antwort jedes Einzelnen wäre, doch zu ihr zu gehen. Jeder hat einen Anreiz, einseitig abzuweichen. Der Plan bricht sofort zusammen. Was die Szene beschreibt, ist ein gutes Gesamtergebnis für die Gruppe (eher eine Pareto-Überlegung aus Modul 2), aber kein stabiler Zustand. Wer diesen Fehler erklären kann, hat den Unterschied zwischen «gut für alle» und «stabil» verstanden – den wichtigsten Unterschied dieses Lehrgangs.

3.3Die Kringel-Methode (Best Response)

Wie findet man Nash-Gleichgewichte systematisch? Mit der Best-Response-Methode, von Hand meist «Kringel-Methode» genannt. Sie funktioniert in drei Schritten:

  1. Beste Antworten von Spieler 1 markieren: Für jede Spalte (also jede mögliche Wahl von Spieler 2) suchst du die grösste blaue Zahl und umkreist sie.
  2. Beste Antworten von Spieler 2 markieren: Für jede Zeile suchst du die grösste orange Zahl und umkreist sie.
  3. Gleichgewicht ablesen: Ein Feld, in dem beide Zahlen umkreist sind, ist ein Nash-Gleichgewicht: Dort spielen beide gleichzeitig ihre beste Antwort.

Probiere es im untenstehenden 2×2-Spiel aus, welches wir bereits in Modul 1 kennengelernt haben. Klicke auf die Zahlen, um sie zu umkreisen, und prüfe anschliessend deine Lösung.

Abbildung 2 – Kringel-Training: Umkreise alle besten Antworten.

Wenn du richtig markiert hast, trägt genau ein Feld zwei Kringel: Unten/Rechts mit (1/1), das Nash-Gleichgewicht. Beachte, was das bedeutet: Das Gefangenendilemma haben wir in Modul 2 über Dominanz gelöst; jetzt liefert die Kringel-Methode dieselbe Antwort mit einem allgemeineren Werkzeug. Das gilt allgemein: Wo beide Spieler eine strikt dominante Strategie haben, ist deren Kombination immer auch ein Nash-Gleichgewicht. Umgekehrt gilt das nicht: Nash-Gleichgewichte gibt es auch dort, wo keine Dominanz existiert. Dafür haben wir das neue Werkzeug gebaut.

3.4Zurück zum Rätsel – und eine Überraschung

Jetzt können wir das Spiel aus Kapitel 3.1 knacken, an dem die Dominanz gescheitert ist. Wende die Kringel-Methode an:

Abbildung 3 – Das Spiel aus Abbildung 1, jetzt mit Kringeln lösbar.

Das Ergebnis überrascht: Dieses Spiel hat zwei Felder mit Doppelkringel: Oben/Links (4/3) und Unten/Rechts (3/4). Beide sind stabil: Hat sich eines der beiden Ergebnisse einmal eingestellt, hat kein Spieler einen Grund, davon abzuweichen. Welches der beiden sich tatsächlich einstellt, kann das Nash-Konzept allein aber nicht beantworten.

3.5Training mit Zufallsmatrizen

Die Kringel-Methode wird durch Übung zum Reflex. Die folgenden Matrizen werden zufällig erzeugt; du kannst also beliebig oft mit frischen Zahlen trainieren.

Training A: 4×4-Matrix

Umkreise alle besten Antworten. Es kann null, ein oder mehrere Nash-Gleichgewichte geben.

Erst schätzen – wie viele Nash-Gleichgewichte?
Abbildung 4 – Zufallsgenerator, 4×4.

Training B: Die Doppel-Challenge (3×4)

Diese Matrix wird so ausgewürfelt, dass sie genau zwei Nash-Gleichgewichte enthält. Findest du beide?

Abbildung 5 – Zufallsgenerator, 3×4, immer genau zwei Gleichgewichte.

3.6Selbsttest

Aufgabe 1 · Begriff

Was bedeutet es, wenn eine Strategiekombination ein Nash-Gleichgewicht ist?

Aufgabe 2 · Nash und Pareto kombiniert

Klicke direkt in der Matrix: Zuerst das Nash-Gleichgewicht, danach das Feld, das beide Spieler am besten stellt (das pareto-effiziente Ziel).

Abbildung 6 – Klick-Aufgabe: erst Nash, dann Pareto.
Schritt 1: Wo ist das Nash-Gleichgewicht?
Aufgabe 3 · Transfer

Zwei Spieler haben beide eine strikt dominante Strategie. Welche Aussage stimmt?

Zum Weiterdenken

Drei offene Fragen für den Transfer. Erst selbst überlegen, dann die Musterlösung aufklappen.

1 · Jemand argumentiert: «Dieses Ergebnis ist ein Nash-Gleichgewicht, also ist es gut für alle Beteiligten.» Widerlege die Aussage mit einem Beispiel aus diesem Lehrgang.

Das Gefangenendilemma: (Gestehen/Gestehen) ist das einzige Nash-Gleichgewicht – und trotzdem für beide schlechter als beidseitiges Schweigen. Ein Gleichgewicht sagt nur: Niemand kann sich allein verbessern. Über die Qualität des Ergebnisses für alle zusammen (Pareto-Frage) sagt es nichts. Stabil und gut sind zwei verschiedene Massstäbe – deshalb brauchen wir beide Begriffe.

2 · Im Feierabendverkehr sind mehrere Routen in Betrieb. Warum sind die Fahrzeiten auf allen tatsächlich genutzten Routen im Gleichgewicht ungefähr gleich lang?

Wäre eine genutzte Route spürbar schneller, wäre sie für Fahrer auf den anderen Routen die bessere Antwort: Sie würden wechseln, bis der Vorteil weg ist. Im Gleichgewicht hat niemand mehr einen Grund zu wechseln, also müssen sich die Zeiten angleichen. Das Gleichgewicht bestimmt die Fahrzeit – nicht die Kapazität der schnellsten Strasse.

3 · Dein Sitznachbar behauptet: «Jedes Spiel hat genau ein Nash-Gleichgewicht.» Widerlege ihn mit zwei Beispielen aus diesem Lehrgang.

Erstens das Spiel aus Kapitel 3.4: Es hat zwei Gleichgewichte (Oben/Links und Unten/Rechts), wie später auch das Chicken Game und der Kampf der Geschlechter in Modul 4. Zweitens der Elfmeter (Modul 5): Er hat kein Gleichgewicht in reinen Strategien; erst mit gemischten Strategien existiert eines. Richtig ist nur: Mindestens ein Gleichgewicht gibt es immer, wenn man Mischungen zulässt (Nashs Satz).

Das nimmst du mit

  • Ein Nash-Gleichgewicht ist ein stabiler Zustand: Niemand kann sich durch einseitiges Abweichen verbessern.
  • Die Kringel-Methode findet Gleichgewichte mechanisch: Beste Antworten beider Spieler markieren, Doppelkringel = Nash-Gleichgewicht.
  • Jede Lösung aus beidseitiger Dominanz ist ein Nash-Gleichgewicht; die Umkehrung gilt nicht.
  • Stabil heisst nicht gut: Auch ein schlechtes Ergebnis kann ein Gleichgewicht sein (Gefangenendilemma).
  • Spiele können mehrere Gleichgewichte haben oder gar keines in reinen Strategien.

Zum Weiterlesen & Anschauen

  • Sylvia Nasar, «Genie und Wahnsinn» – die grosse Nash-Biografie, auf der der Film «A Beautiful Mind» basiert: Mathematik, Ruhm, Krankheit und späte Rückkehr.
  • Ken Binmore, «Game Theory: A Very Short Introduction» (englisch) – eine knappe Einführung von einem der führenden Spieltheoretiker, mit einem eigenen Kapitel zum Nash-Gleichgewicht.
  • Suchtipp «Braess-Paradoxon» und «Cheonggyecheon» – Videos und Artikel über eine überraschende Folge der Gleichgewichtslogik im Strassenverkehr: neue Strassen, die alle verlangsamen, und abgerissene Autobahnen, die den Verkehr verbesserten.